Architektur im Ringturm

ARC
Architektur | 20.03.2014

Ungarn: Bauten der Aufbruchszeit

26. März bis 2. Mai 2014


Die Reihe „Architektur im Ringturm“ des Wiener Städtischen Versicherungsvereins untersucht in ihrer neuen Ausstellung die Jahre des sogenannten „Sozialistischen Realismus“ in der Architektur Ungarns. Damit wird an die bereits thematisierte Analyse von Architektur unter totalitären Regimes angeknüpft. Bedingt durch neue politische Konstellationen kam unmittelbar nach der Wiederaufbauzeit in Budapest eine formale Doktrin zum Einsatz, die sich – aus Moskau kommend – mehr oder weniger ausgeprägt im architektonischen Entwurf niedergeschlagen hat. Obwohl kunsthistorisch nicht klar abgrenzbar, spricht man oft vereinfachend von den 1950er Jahren – eine Zeit, die heute insbesondere im Design- und Modebereich oft eine nostalgische Verklärung erfährt. Um die architektonische Vorgeschichte sowie den zeithistorischen Kontext zu vermitteln, wird die Periode mit all ihren kultur- und realpolitischen Eigenheiten dargestellt.


Architektur im sozio-politischen Kontext

Die drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-48) waren in Ungarn, das vom Krieg schwer getroffen wurde, durch den Wiederaufbau geprägt. Es handelte sich dabei um eine Verlängerung der Moderne, die bald einer grundlegenden Kritik unterzogen werden sollte.

Als 1948 in Budapest ein Büchlein mit dem Titel „Theoretische Fragen zur neuen Architektur“ erschien, war darauf auch ein Untertitel zu lesen – „Der sozialistische Realismus in der Architektur“. Verfasst wurde die Publikation vom linksorientierten und engagierten Architekten Máté Major. Als früheres Mitglied der ungarischen CIAM Gruppe (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne/ Internationale Kongresse Moderner Architektur) war er den Werten der Moderne verpflichtet. Er schloss sich allerdings den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen euphorisch mit dem Diktum an, dass einem architektonischen Werk „die Monumentalität, die den Ruhm der das Land aufbauenden Werktätigen verkündet, nicht fehlen darf“. Gemeint war, dass die neue Architektur in Inhalt und Form in der Weise „sozialistisch und realistisch“ wird, in der sie mit „einfachen, sauberen, klaren und sinnvollen Mitteln dem werktätigen Menschen dient“.

Diese Publikation enthielt noch keine kanonisierten Definitionen von vermeintlichen sozialistischen Kunstrichtungen, sondern lediglich mehr oder weniger philosophisch-idealistische Betrachtungen. Unter besonderer Bezugnahme auf die sprachlichen Eigenheiten der tonangebenden Ideologen im „Bruderland“ Russland – wo generell die theoretischen und wirkungsgeschichtlichen Grundlagen der kulturpolitischen Entwicklung in Ungarn zu finden sind – stellte der damals gerade aus Moskau zurückgekehrte Imre Perényi in der Einleitung fest, dass „unsere heutige neue Kunst auf der ‚sozialistischer Realismus’ genannten, kunsttheoretischen Grundlage basiert“.
Der Text gilt insbesondere im Hegemoniebestreben, den sozialistischen Realismus zu etablieren, als richtungweisend. In einem Ministerratsbeschluss vom Juli 1949 wurde festgestellt, dass in den staatlichen Planungsbüros die wirtschaftliche Planung nicht als zentrale Frage betrachtet werde. Indem man sich auf pseudoästhetische Gesichtspunkte beruft, wird – dem Geschmack der Werktätigen entsprechend – anstatt einer wirtschaftlichen Lösung oft ein überflüssiger Pomp entfaltet.

Kurzzeitig kam unter dem Druck der sozialistischen Kulturpolitik eine geforderte, klassizistisch-eklektische Formensprache zur Geltung. Der Wandel ging u.a. nach dem Bruch der Koalitionsregierung Ungarns mit einem verstärkten sowjetischen Einfluss einher. Die Architekturideale der Moderne (Funktion, Form, soziales Engagement und Wirtschaftlichkeit) wurden zunehmend als abstrakte Architektur und als Produkt des dekadenten Kapitalismus kritisiert und zugunsten einer auf Tradition beruhenden Architektur abgelehnt.

In der Architekturzeitschrift „Bauen – Architektur“ wurde die sogenannte Formalismus-Debatte geführt: Die schriftliche Stellungnahme von sieben der wichtigsten Vertreter ihres Faches wurden zur Fragestellung der Redaktion veröffentlicht. Die Auseinandersetzung kulminierte in der „Großen Architekturdebatte“ im April 1951 zwischen den beiden Protagonisten Máté Major und Imre Perényi, die innerhalb der Abteilung für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Ungarischen Arbeiterpartei stattfand.
Ab 1947 begannen mit der allgemeinen Verstaatlichung auch die „Planungsfabriken“ zu entstehen. Das Nichterreichen des sowjetischen Beispiels wurde unter anderem darin gesehen, dass die Planung noch zum großen Teil in privater Hand war. Diese wurde sukzessive liquidiert und unter zentralisierter, ministerieller Leitung entstanden jene Mammutbüros, die bis zur Wende beinahe jede Planung zur Gänze abdeckten.

Diese Periode der ungarischen Architektur mag kurz erscheinen, sie ist aber dennoch in mehreren Abschnitten zu betrachten, die jeweils durch markante Ereignisse bzw. Bauten bestimmt sind. Geprägt wird die Zeit durch den intensiv geführten Streit um die architektonische Richtung: Da Architektur ein „langsames Medium“ ist und vom Planungsbeginn bis zur Fertigstellung meist Jahre vergehen, bewegen sich die gebauten Resultate zwischen Moderne und sozialistischem Realismus. 

Das Ende der Ära

Der Stil begann seine Vorbildrolle nach dem Tode Stalins einzubüßen, verloren hatte er seine Berechtigung spätestens nach der Rede des Parteivorsitzenden Chruschtschow am Unionskongress der sowjetischen Architekten in Moskau vom 7. Dezember 1954. In Ungarn erschien die Rede unter dem Titel „Über die verbreitete Verwendung der großindustriellen Baumethoden und über die Qualitätssteigerung sowie Kostensenkung der Bautätigkeit“; in deutscher Sprache wurde deren Inhalt in der DDR unter „Besser, billiger und schneller bauen“ als Broschüre bzw. Beilage der Bauzeitung verbreitet. Der Paradigmenwechsel war aus pragmatischen, wenn nicht sogar rein wirtschaftlichen Gründen als notwendig herbeigeführt worden.

Der MÁVAUT Busbahnhof – Moderne mit eigenständigem Charakter (1949)

Beispielhaft für diese Epoche der ungarischen Architektur steht der ehemalige Busbahnhof, ein Gebäude-Ensemble in Stahlbeton-Skelettbauweise im Stil der Moderne. Er befindet sich an der westlichen Seite des Erzsébet tér (Elisabeth-Platz) im Zentrum des Budapester Stadtteils Pest und wurde im Jahr 1949 fertig gestellt.

Die zwei voneinander getrennten, funktional differenzierten Gebäudeteile, die Ankunfts- und Abfahrtshalle, werden durch Perrons in Form einer zweistöckigen Stahlbetonstruktur verbunden. Dadurch wird der städtische Raum nicht vom Grünbereich des Parks abgetrennt, sondern schafft einen Durchgang und eine Verbindung. Abgesehen von vereinzelten Öffnungen gibt es in den Steinoberflächen nur senkrechte Luxfer-Glasziegelwände, die die Treppenhäuser abschließen und belichten, ohne Einblick zu gewähren. Das rechteckige Vordach vor dem Haupteingang wiederholt sich in der das Dachgeschoß abschließenden und daher größeren, auskragenden perforierten Platte, die von drei I-Trägern gestützt wird. Aus der Fläche der Fassade zur Parkseite mit ihrer Natursteinverkleidung ragt eine durch Stahlbetonraster gegliederte Glas- und Stahl-Oberfläche hervor. Gedeckt ist das Gebäude mit rotem Wellschiefer. Die Fensterreihe im ersten Stock ist eher zierlich in der Ausprägung. Das Treppenhaus reicht auf der Südseite bis zum Dachgeschoß, es durchbricht die Flächigkeit der Fassade durch eine Luxfer-Wand zwischen zwei mit Naturstein verkleideten Pilastern. Die Fassade über dem Peron ist mit Natursteinen in wechselnder Breite verkleidet, an der Ecke zur Hauptfassade ist sie durch einen schmalen Luxfer-Glasziegelstreifen einer Nebentreppe untergliedert, der zweistöckige Perron durchschneidet den Gebäudeabschnitt Richtung Park.

Im Jahr 1977 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und ab 2005 renoviert, um dem Ungarischen Design Center dort seine Bleibe zu geben. Die Übersiedlung erfolgte allerdings erst 2011. Die besondere Bedeutung des Busbahnhofs für die Architekturgeschichte liegt darin, dass es ein Gebäude im Stil der in der internationalen Architektenvereinigung CIAM vertretenen Architekten der Moderne ist und gleichzeitig einen eigenständigen und einzigartigen Charakter hat. Sowohl in den formalen Ansätzen als auch im Materialeinsatz vermittelt es Lösungen, die auch über die vom Bauhaus vertretenen Prinzipien hinausgehen.

Ausstellung

Der Wiener Städtische Versicherungsverein präsentiert in Schau und begleitender Publikation den Niederschlag des politischen Systems in Ungarn der Jahre von 1945 bis 1960 in Bauwerken mit gesellschaftlicher Bedeutung. Anhand einer Auswahl von rund 30 Gebäuden wird aufgezeigt, dass es den Architekten gelang, trotz politischer Vorgaben und offizieller Weisungen, Wesenszüge der Moderne in ihren Bauten durchzusetzen. Aus einem internationalen Blickwinkel werden Spezifika der ungarischen Moderne herausgearbeitet und veranschaulicht.

Katalog

Architektur im Ringturm XXXVI, Ungarn – Bauten der Aufbruchszeit 1945-1960. Adolph Stiller (Hg.), ca. 150 Seiten, Textbeiträge: Mártá Branczik, Zoltán Fehérvári, András Hadik, Endre Prakfalvi.
Preis: 26 Euro.

Kuratoren:   
Adolph Stiller, András Hadik, Zoltán Fehérvári (wissenschaftliche Beratung)

Ausstellungsort:       
Ausstellungszentrum im Ringturm
1010 Wien, Schottenring 30

Öffnungszeiten:   
Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr, freier Eintritt
(an Feiertagen geschlossen)

Presseführung:   
Dienstag, 25. März 2014, 11:00 Uhr

Am Podium:   
Adolph Stiller, András Hadik, Zoltán Fehérvári

Eröffnung:   
Dienstag, 25. März 2014, 18:30 Uhr (Einlass nur mit Einladung)

Rückfragen an:    
Silvia Polan
T: +43 (0)50 390-21064
F: +43 (0)50 390 99-21064
E-Mail: presse@wst-versicherungsverein.at