Architektur im Ringturm

ARC
Architektur |

Ungarn_Architektur der „langen 1960er Jahre“

Der Wiener Städtische Versicherungsverein widmet der architektonischen Vielfalt Ungarns erneut eine Ausstellung im Rahmen seiner Reihe „Architektur im Ringturm“. Die aktuelle Schau präsentiert die ungarische Architekturszene der so genannten „langen 1960er Jahre“. Thematisch wie chronologisch knüpft diese an die Ausstellung „Ungarn – Bauten der Aufbruchszeit“ an, die 2014 im Ringturm präsentiert wurde.

Ein langes Jahrzehnt Architektur
Die „langen 1960er Jahre“ sind aus architektonischer Perspektive in Ungarn eine mehr als fruchtbare Periode, auch vor dem Hintergrund der Machtkonsolidierung nach dem Aufstand von 1956. Das Material, das in der aktuellen Ausstellung – sowie im begleitenden Katalog – aufbereitet ist, basiert auf einer in den letzten zehn Jahren vor Ort durchgeführten Grundlagenforschung. Ausgewählte Projekte werden vorgestellt, mit dem Ziel, die nicht zuletzt durch sprachliche Barrieren schwer zugänglichen Entwicklungen und Tendenzen der Jahre von ca. 1958 bis 1971 einer breiten Öffentlichkeit zu erschließen. In gewisser Weise wird die ungarische Architekturgeschichte dieses „langen Jahrzehnts“ als abgeschlossene Epoche betrachtet. Die trotz politischer Einflussnahme relativ große Unabhängigkeit der Architekturszene ließ, gepaart mit der Aufbruchsstimmung jener Zeit, eine bemerkenswerte Zahl hervorragender Bauten entstehen.

Architektur ist seit jeher in die gesellschaftliche Situation des jeweiligen Betrachtungszeitraumes eingebettet. Wer die „langen 1960er Jahre“ zu umreißen versucht, muss auch auf die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg näher eingehen, in diesem Zusammenhang speziell auf die Zeit nach dem Tod Stalins bzw. nach der fünf Jahre währenden Periode des Sozialistischen Realismus in der ungarischen Architektur bis zum Aufstand im Jahre 1956. Der stalinistische Klassizismus blieb zwar auch nach dem Tod Stalins in Ungarn sichtbar, allerdings wurde rasch gefordert, sich von den eklektisch-barocken-klassizistischen Formen und vom historisierenden Stil des Sozialistischen Realismus zu verabschieden.

Die Wohnungsnot sei enorm und man müsste schneller, schöner, besser und günstiger bauen. Der Umstieg von traditionellen Baumethoden auf industrielle Methoden, was den Zusammenbau von Häusern betrifft, sei hinsichtlich Produktivität sowie Kostensensibilität unabdingbar. Außerdem verhinderten individuelle Baupläne die Verbreitung des Typenbaus bzw. das „Hausfabrik-Programm“ – so der Tenor in der berühmten Rede Chruschtschows im Dezember 1954, die schließlich auch die Wende einleiten sollte. Das so genannte „Hausfabrik-Programm“ umfasst die Vorproduktion von Stahlbetonkonstruktionen, den Austausch von Ziegelwänden und die Anwendung von Wandblöcken, also vorgefertigte Wandeinheiten aus Beton, die direkt vor Ort montiert werden. Gemeinhin wird hierfür der Begriff Plattenbau verwendet.
Aus architekturgeschichtlicher Perspektive brachten vor allem die Jahre 1955 und 1956 den Umbruch. Hier finden viele Merkmale und Elemente der Architektur der sechziger Jahre ihren Ursprung bzw. kommen in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts verstärkt zum Vorschein. Dazu zählen einerseits vor allem das „Hausfabrik-Programm“, andererseits die (Rück-)Besinnung auf die moderne Architektur sowie die als marxistisch bezeichnete Denkweise in der Architekturtheorie, die in erster Linie dem Fachpublikum den Rahmen vorgab.

Bis zum Ende der Dekade wurden die Bauten, die im Stilkanon des Sozialistischen Realismus begonnen worden waren, nach Möglichkeit in vereinfachter Form und unter Weglassung der „Verschnörkelungen“ fertiggestellt. Bereits im Jahr 1955 entstanden auf den Zeichentischen der Gestalter bedeutsame Werke basierend auf individuellen Plänen – z.B. der Ungarische Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel 1958. Er sollte das erste Glanzstück dieser Zeit, der „langen 1960er Jahre“, werden. Der Ungarische Pavillon signalisierte nicht nur eine neue Liberalität in der Architektur des Landes, sondern präsentierte auch eindrucksvoll den ungarischen Staat am internationalen Parkett und stand darüber hinaus für Modernität und Aufbruch. 

Der größte Teil der Bauten, die in der aktuellen Ausstellung thematisiert werden, entstanden während der Periode der so genannten „Kadar’schen Konsolidierung“, die ihren Anfang mit Beginn der 1960er Jahre nahm. Bei der Auswahl der in der aktuellen Schau präsentierten Bauten wurde bewusst der Versuchung widerstanden, sich vorwiegend dem „Plattenbau“ zu widmen. Im Geschoßwohnungsbau, dessen städtebauliche Ansätze durchwegs im Rahmen der CIAM-Doktrin („Charta von Athen“ – „Congrès Internationaux d’Architecture Moderne“) lagen, entstanden viele spektakuläre Bauten. Durch industrialisierte Bauweisen wollte man zu ökonomisch günstigem Wohnraum gelangen. Die Produktion in Ungarn schwankte zwischen mehreren Modellen: An den Peripherien der Industriestädte und in Budapest übernahmen vor allem die aus der Sowjetunion importierten „Hausfabriken“ die Hauptrolle. Diese ließen große Stückzahlen zu, doch in der Ausführung blieb der technische Standard meist hinter den Erwartungen zurück. Einige Bauten, die heutigen Ergebnissen nicht unähnlich sind, wurden mittels Ortbeton und Gleitschalung realisiert. Schließlich gab es zu Beginn des Jahrzehnts noch einige wenige Versuchssiedlungen, in welchen die unterschiedlichsten Typologien umgesetzt wurden.

Nicht der „Plattenbau“, sondern vielmehr die unerwartete, qualitativ hochwertige bauliche Vielfalt – die für den vergleichbaren Zeitabschnitt im Westen, zumindest was Österreich betrifft, beachtlich ist – steht im Fokus der aktuellen Ausstellung. Man war informiert darüber, was in England, Frankreich oder Deutschland passierte. In der Fachzeitschrift „MÉ“ („Magyar Építőművészet“) – mit zusammenfassenden Texten in fünf Sprachen – wurden auch internationale Positionen diskutiert bzw. Projekte vorgestellt, die als Vorbilder in formalen Auswirkungen erkennbar geblieben sind. Auch die internationale Entwicklung aktueller Bautechniken wurde rezipiert. Trotzdem spricht man von einer eigenständigen Architektur, die in dieser Form nur in Ungarn möglich war. So wurde auch an den Hochschulen versucht, aktuelle europäische Themen mittels Publikationen in ungarischer Sprache zu vermitteln und selten, aber doch, gab es auch den umgekehrten Weg – eigene Ergebnisse in z.B. englischer Sprache für ein internationales Publikum aufzubereiten.

Gegen Ende des Jahrzehnts machten sich vor allem im ökonomischen Bereich Schwierigkeiten bemerkbar, die sich negativ auf die Bautätigkeiten auswirkten. Zentral festgelegte Zeitpläne und der lokale Wettstreit um Kreditmittel bremsten den Schwung. Als Folge entstand das für alle kommunistischen Länder typische Phänomen der langen Zeitläufe: Der Entstehungsprozess eines Projektes erstreckte sich von der Planung bis zur Ausführung oft über Jahre. Aus heutiger Sicht verwundert es daher kaum, dass sich temporäre Verwerfungen stilistischer Art einstellten. Der Qualität oder den Möglichkeiten in gewisser Hinsicht förderlich war hingegen die Tatsache, dass alles konzentriert in einer Hand lag: Der Staat trat als Grundeigentümer auf, erteilte sich selbst behördliche Genehmigungen, errichtete die Gebäude mit ebenfalls staatlichen Bauunternehmen und repräsentierte zum Schluss auch noch den Nutzer.
 
In den „langen 1960er Jahren“ entstanden in Ungarn im Geiste der Moderne qualitativ hochwertige Bauten, deren bedeutendste Beispiele im Rahmen der aktuellen Ausstellung vorgestellt werden. Ausgewähltes Fotomaterial und historische Dokumente liefern lebendige Eindrücke dieser bedeutenden Bauperiode.

Bilder unter: http://www.airt.at/projects/ungarn-die-langen-1960er-jahre/


Katalog
Architektur im Ringturm XLVI: Ungarn. Architektur der Langen 1960er Jahre.
Adolph Stiller (Hrsg.), rund 180 Seiten, unter Mitarbeit von Endre Prakfalvi, András Hadik und Zoltán Fehérvári.
Preis: 28 Euro

Das Bildmaterial beruht in erster Linie auf Sammlungen und Nachlässen der im Ungarischen Museum für Architektur („Magyar Építészeti Múzeum“, kurz „MÉM“) verfügbaren Dokumentation und wird im Rahmen der aktuellen Ausstellung teilweise erstmals öffentlich vorgestellt.

Kurator:   
Adolph Stiller

Ausstellungsort:   
Ausstellungszentrum im Ringturm
Schottenring 30, 1010 Wien

Öffnungszeiten:   
Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr, freier Eintritt (an Feiertagen geschlossen)

Presseführung:   

Mittwoch, 5. April 2017, 10:00 Uhr

Am Podium:   
András Hadik, Zoltán Fehérvári (beide Kunsthistoriker), Adolph Stiller

Eröffnung:   
Mittwoch, 5. April 2017, 18:30 Uhr (Einlass nur mit Einladung)

Rückfragen an:    
Romy Schrammel
T: +43 (0)50 350-21224
F: +43 (0)50 350 99-21224
E-Mail: presse(at)wst-versicherungsverein.at

Website:  
www.airt.at