Architektur im Ringturm

ARC
Architektur | 23.06.2003

Toskana: Architektur der Moderne

Die vielfältige und wenig bekannte moderne Architektur der Toskana ist Thema einer Ausstellung, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe Architektur im Ringturm von 10. Juli bis 3. Oktober 2003 gezeigt wird. Zu sehen sind die wichtigsten Bauten des 20. Jahrhunderts der Region Die Toskana-Ausstellung im Ringturm ist das visualisierte Ergebnis einer fünfjährigen Forschungsarbeit, die von der Regione Toscana (Dipartimento delle politiche formative e dei beni culturali) finanziert und von der Fondazione Michelucci durchgeführt wurde. Neben der Auswahl der interessantesten Gebäude ging es in der Forschungsarbeit darum, die wichtigsten architektonischen Zeugnisse des 20. Jahrhunderts der Region zu dokumentieren. So wurden durch die Fondazione Michelucci etwa 500 Bauwerke in der Toskana katalogisiert. Davon ist ein großer Teil in der Ausstellung zu sehen, die nach der Erstpräsentation im Bahnhof von Florenz nun für die Schau im Ringturm neu zusammengestellt wurde.

 

Ästhetik, Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein, neue Organisationsformen des sozialen Lebens und die möglicherweise wichtige geschichtliche Stellung zählten zu den Auswahlkriterien bei den Bauten. Darüber hinaus wurden Einflüsse der auflebenden Freizeitgestaltung auf Bauten oder der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt beachtet.

 

Die Ausstellung: Die Ausstellung ist historisch-chronologisch aufgebaut. Ausgehend vom ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, in dem das Liberty - das italienische Pendant zum Jugendstil - zu einer Hochblüte gelangte, geht die Entwicklung in den zum übrigen Europa vergleichsweise früh einsetzenden Rationalismus faschistischer Prägung über. Architekturgeschichte ist untrennbar mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden: Der Marsch der "Schwarzhemden" Mussolinis 1923 auf Rom und der Sturz des Regimes lässt sich im Architekturgeschehen ablesen (Rationalismus), wenn auch in den Regionen mit kleiner Verspätung im Vergleich zur Hauptstadt:

 

Der italienische Rationalismus: Die Periode der Zwischenkriegszeit gewinnt durch diese frühe Neuorientierung und die zeitliche Ausdehnung auf fast drei Jahrzehnte an Bedeutung (bis 1944, der Landung der Alliierten). Die Bauten unterlagen mit fortschreitender Dekadenz des Regimes auch selbst diesem Verfall und Architektur verkam zu reinem Formalismus. Der unverkennbare italienische Rationalismus entstand in ganz Italien, so auch in der Toskana: Parteiheime ("casa del popolo"), Fliegerschulen, Sportstadien, Arbeitersiedlungen, Kinderheime oder Verkehrsbauten etc. Beispiele dafür sind der Bahnhof in Florenz von Giovanni Michelucci (1932-1934), das städtische Stadion "Artemio Franchi" von P-L. Nervi und G. Alessandro (Florenz, 1929-1932) sowie das Heizwerk und das Stellwerk am Bahnhof von Florenz von Angiolo Mazzoni (1932 - 1934).

 

Nach dem 2. Weltkrieg lässt sich ein Kontinuum der architektonischen Werte der klassischen Moderne - des so genannten Funktionalismus - der Zwischenkriegszeit beobachten. Andererseits beginnt durch die jüngere Architektengeneration eine Phase der Neuorientierung. Der italienische Neorealismo, bekannt geworden v.a. durch filmische Höchstleistungen (u.a. La Strada), hat auch im architektonischen sein Pendant. Für die "toskanischen" Protagonisten dieser Strömung, die auch internationale Bedeutung erlangte, stehen Giovanni Michelucci (der auch in Rom einige bedeutende Bauten realisieren konnte), Edoardo Detti (der u.a. in der Zeit von 1956 bis 1965 mit Carlo Scarpa die Chiesa San Giovanni Battista in Firenzuola baute), Leonardo Ricci (der später u.a. in Amerika tätig war) und Leonardo Savioli.

 

Behutsame Eingriffe bzw. bauliche Ergänzungen zeichnen eine beachtliche Anzahl von Gebäuden aus (zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts), die sich zwar in ihrer architektonischen Sprache zeitgenössisch ausdrücken, aber in ihrer Haltung ganz in der Tradition des "Weiterbauens" stehen. Dies lässt sich in einer hervorragenden Eingliederung in die historisch gewachsene Stadt ablesen. Gebäude, wie z.B. Cassa di risparmio Pistoia e Pescia in Pistoia (Sparkasse) von Giovanni Michelucci und das Gebäude der Handelskammer in Carrara von Carlo Aymonino gehören zu den architektonischen Höchstleistungen - auch international gesehen.

 

Späte 50er-Jahre: Die Architektur erlebte ab den späten 50er-Jahren eine Hochblüte des Brutalismus. Beton in seiner unbehandelten und unverkleideten Form wird das bevorzugte Material der Architekten. Dies ist eine international zu beobachtende Tendenz, die nicht zuletzt in Referenz auf die Arbeit von Corbusier entstanden ist. Beispiele dazu sind der Wohnblock in Marina di Carrara von Edoardo Detti, das Volkswohnhaus in Florenz von Ricci u. Savioli und der Palazzo degli Uffici Giudiziari/Justizbeamtenpalast in Massa von Edoardo Detti.

 

In der modernen Architektur in den 50er und 60er-Jahren spielt die Kirche als Bauherr eine wichtige Rolle. Die "Chiesa dell’autostrada del sole" in Campi Bisenzio (1961 - 1964) war ein architektonischer Meilenstein und eine Stätte der Besinnung an den Pulsadern des Massenverkehrs. Regionale Elemente verschmelzen mit modernene Baumethoden. Der Bau ist immer noch ein international gefeiertes Meisterwerk des Kirchenbaues und vermutlich das bekannteste Werk von Givanni Michelucci.

 

Die Avantgarde der 60er und 70er-Jahre war sehr stark politisch geprägt. Florenz, das historisch immer als Zentrum der "Linken" Avantgarde galt, wurde eine der wesentlichsten Brutstätten der italienischen Studentenbewegung, der 68er-Jahre-Generation. Architektonisch hat sich diese Ausrichtung vermutlich am besten in den allerortes entstehenden "Case popolari" - z.B. Case popolari in Sorgane, 1963 bis 1980 - niedergeschlagen. Gebaut wurden diese Volkswohnhäuser mit herausragender Wohnqualität von der Arbeitsgruppe Ricci/Savioli.

 

Zeitgenössische Architektur: Die Zeit der großen Meister ist ab den 70er-Jahren im Abklingen. Während die wirtschaftliche Bedeutung von Florenz zu Gunsten Mailands sinkt, ist die kulturelle ständig im steigen. Das drückt sich u.a. in den wenigen, aber mit umso mehr architektonischem Engagement errichteten Bauten aus. Ein viel beachtetes Beispiel ist das Museo della Contrada di ValdiMonte, gebaut 1974 bis 1997 von Giovanni Michelucci mit Bruno Sacchi. Zeitgenössische Architektur in der Toskana, wie zum Beispiel der Block mit 48 Wohnungen in Pontedera (Massimo und Iovo Carmassi, 1998 fertig gestellt) erlebt eine neue Blüte indem sie versucht, abseits der mittlerweile ausgetretenen Pfade der "Stararchitektur" durch Besinnung auf regionale Elemente (z.B. der rote Backstein) eigene Wege in der Gestaltfindung zu gehen und spezifische Lösungen zu finden.

 

In der Schau sind Originalpläne und -modelle sowie Fotos und zahlreiche Publikationen aus der Zeit der Entstehung der Bauten zu sehen.

 

Katalog (in italienischer Sprache): Architetture del Novecento. La Toscana. Ezio Godoli (Hrsg.), Edizioni Polistampa, Florenz 2001. Preis: 41,50 Euro. Mit interaktiver CD-ROM (Tabellen über Namen, Bauten, Biografien etc.).

 

Kurator: Ezio Godoli (Fondazione Giovanni Michelucci)