Architektur im Ringturm

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Architektur |

MARBURG – MARIBOR: Ein Stadtpanorama zur Europäischen Kulturhauptstadt 2012


11. Juli bis 19. Oktober 2012

 

Maribor, an der Drau gelegen, eingebettet in eine Landschaft grüner Hügel und Weingärten, ist keine Idylle, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ist vielmehr eine dynamische, schaffensreiche Stadt, heute wichtige Industrie-, Landwirtschafts- und Handelsstadt mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Textilverarbeitung, Bauwesen und Weinbau, und eine rundum moderne Kultur- und Universitätsstadt, die den unterschiedlichsten und auch jüngsten Entwicklungen in die Wissenschaft, Kunst und Musik die Tore weit geöffnet hat. Dennoch verbirgt sich hinter der glücklich erscheinenden Gegenwart eine von Kriegen und Zerstörung geprägte Vergangenheit, die zum Wesen dieser Stadt gehört. Aus Anlass der Ernennung zu einer der Europäischen Kulturhauptstädte 2012 widmet die Ausstellungsreihe „Architektur im Ringturm“, unterstützt durch den Hauptaktionär der Vienna Insurance Group, der zweitgrößten Stadt Sloweniens ein architektonisches Stadtpanorama. Nur 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, gibt es viele Verbindungen zwischen Österreich und Maribor – in kultureller, geschichtlicher und auch wirtschaftlicher Hinsicht. Die Vienna Insurance Group ist mit einer Zweigniederlassung der Wiener Städtischen Versicherung seit dem Jahr 2004 erfolgreich in Slowenien vertreten.


Durch die Geschichte geprägt
Die Gesamtproblematik der Stadt und ihres urbanistischen Gefüges wird unter Betrachtung der historischen Ausgangslage – die auch mit österreichischer Geschichte eng verflochten ist – sowie der breiteren Ausführung der architektonischen und städtebaulichen Aktivitäten im 20. Jahrhundert bis hin zu jüngsten Entwicklungen verständlich. Lange bevor die Postmoderne den Begriff Kontext für sich entdeckte und vereinnahmte, arbeitete man hier ganz pragmatisch damit: Erhaltung wertvoller Bausubstanz und behutsame Ergänzungen in der nach dem Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Stadt standen seit jeher an der Tagesordnung der engagierten Architektenschaft und haben Kontextrelevanz mehr praktisch umgesetzt als theoretisch diskutiert.

Eine weitere wesentliche Tatsache ist der so genannte „Raster“, eine Netzstruktur im Ausmaß von ca. 500 Metern, auf dem die Stadt von alters her errichtet wurde. Die im Jahr 1275 vollendete Umfassungsmauer war von ihrer Dimension her für die relativ kleine Stadt und die darin enthaltene Fläche anfangs viel zu groß. Daraus resultierte ein bis heute gültiger, mit Laibach gemeinsamer, urbanistischer Maßstab oder im positiven Sinne sogar Korsett, das als bereits 300 Jahre bewährte urbane Struktur gelten kann.


Industrialisierung als architektonischer Motor

Bekannt war Maribor seit beinahe einem Jahrhundert vor allem als bedeutendster Industriestandort Sloweniens, der durch die Lage an der 1846 eröffneten Bahnlinie Wien – Triest profitierte.
Die Stadt verstärkte ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Modernisierungsmaßnahmen. Straßen und Gassen wurden gepflastert, die Gesundheitsfürsorge in der Stadt verstärkt und modernisiert. So entstand 1855 das Allgemeine Krankenhaus, die Hygiene wurde wesentlich verbessert. Auch darf es als sehr fortschrittlich gewürdigt werden, dass 1869 die Männerstrafanstalt Maribor mit 800 Insassen die erste Jugendabteilung in der österreichischen Hälfte der Monarchie erhielt.

Zahlreiche öffentliche Gebäude wurden errichtet und machten Maribor bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Zentrum der staatlichen Repräsentation und Daseinsvorsorge durch Einrichtungen wie etwa das Kreisgericht, die Gemeindesparkasse, das neue Amtsgebäude des Bezirksgerichts, die Gasanstalt, das städtische Armenhaus, die öffentliche Badeanstalt an der Drau oder das Schlachthaus. Es folgten auch militärische Bauten wie die Infanteriekaserne oder die Landwehrkaserne, zugleich entstanden auch wichtige und angesehene Schulen und nicht zuletzt wurde 1901 die Wasserleitung für die Stadt Maribor errichtet.

Maribors voranschreitende Industrialisierung erforderte auch erhebliche Leistungen in der Verkehrsführung und im Straßenbau. Symbol dafür ist unter anderem die „Marburger Reichsbrücke“ – heute „Alte Brücke“ bzw. stari most, die Erzherzog Friedrich im August 1913 eröffnete.


Slowenien in der Nachkriegszeit
In den Jahrzehnten nach 1945 war Slowenien – politisch als Teilrepublik des früheren Jugoslawien – in sozio-kulturellen Belangen ebenso wie im Architekturbereich als Experimentierfeld bekannt. Der westlichste Teil des kommunistischen Machtbereiches hob sich wohltuend von der grauen Masse des „Ostens“ ab. Auch wenn in all den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem die Hauptstadt Laibach mit ihrem Protagonisten Ravnikar weit über die Grenzen beachtet wurde (ganz zu schweigen von der Leitfigur Plečnik, der noch bis Mitte der 1950er Jahre arbeitete), wirkte dieses „Versuchsterrain“ auch hier. In Maribor entstand – in weit kleinerem Maßstab – eine Kunst- und Kulturszene, die sich nicht zuletzt mit beachtenswerten Beispielen moderner Architektur darstellte.


Das zeitgenössische Maribor

Mit der Unabhängigkeit Sloweniens im Jahr 1991 hatten sich die politischen Verhältnisse unwiderruflich verändert, was sich in kürzester Zeit auch auf die Architektur und die urbane Entwicklung auswirkte. Vor dieser Zeit arbeiteten Architekten in großen Büroräumen zusammen. Nach der erlangten Selbstständigkeit des Landes gründeten sie ihre eigenen Werkstätten und kleinere Unternehmen.

Zwischen 1995 und 2001 wurde ein neuer städtebaulicher Plan für Maribor ausgearbeitet. 2006 begann die Architekturabteilung der Fakultät für Bauwesen der Universität Maribor mit einem zweistufigen Studienprogramm. Die gesellschaftlichen Aktivitäten der Architekten wurden intensiver und umfangreicher; ab 2006 gab die Tageszeitung Večer die wöchentliche Beilage Arhitekturna beseda („Das architektonische Wort“) heraus. Mit der Ernennung Maribors zur Europäischen Kulturhauptstadt begann das Haus der Architektur Maribor mit seinen Tätigkeiten. Anlässlich der heurigen Architekturbiennale in Venedig wird sich die Stadt im slowenischen Pavillon präsentieren.


Ikonen

In Tezno (dem industriellen, urbanen Teil der Stadt) sind Mitte der 1990er Jahre die ersten Architekturikonen entstanden, fast symptomatisch in einem Gebiet, das ausreichend entfernt vom denkmalgeschützten mittelalterlichen Stadtkern liegt.

Die Menerga des Architekten Korpnik ist ein erstes Beispiel für Architekturikonen in den Produktionsgebieten. Mit dem Einsatz von Farbe und weichen Formen ist es Vorreiter einer hervorragenden Architektur – auch in Gegenden, wo sie früher nicht vorhanden war. Menerga, am Rande der größten Industriezone der Stadt, illustriert mit ihrer amorphen Form und der technologischen Infrastruktur neue Entwicklungstrends (neue Formen, neue Technologien, neues Wissen) bzw. die Absichten einer Umstrukturierung der Zone. Bei der Planung der Architektur (Fassadenhülle und Konstruktion) fand eine Zusammenarbeit des Architekten mit Ingenieuren aus jenen Industriebetrieben, die zugrunde gingen, statt.

Der Baumax des Architekten Njirić, das Resultat eines internationalen Wettbewerbs, ist einer der ersten Entwürfe eines Einkaufszentrums, der es verdient hätte, in die Riege „Architekturikone am Balkan“ aufgenommen zu werden. Leider wurde dieses Gebäude nicht konsequent realisiert, da der Bauherr auf die Gemeinde Druck ausübte und die Abänderung eines der wesentlichen Motive des Gebäudes durchsetzte – den Zutritt zum Einkaufszentrum vom grünen Dach mit Parkplatz. Später wurde eine Serie von neuen Einkaufszentren gebaut, doch keines kam an die mächtige Ikonographie des Gebäudes heran.


Ausstellung
Die Ausstellung ist in Themenbereiche, die in etwa den markanten Zeitperioden der jüngeren Geschichte entsprechen, gegliedert. Allgemeine Kulturgeschichte, Spitzenbauten der „historischen“ Zeit von 1920-30, 1950-60, 1970-90 und zeitgenössisches Bauen mit „neuen Materialien“ sowie einem Ausblick auf Visionen bis 2022. Lokale Spezialisten analysieren in Texten, Bildern und Kartenmaterial die jeweiligen Situationen und zeichnen sie in Wort und Bild nach. Beispielhaft werden die wichtigsten Protagonisten der Szene mit ihren Werken visualisiert, ihre Herkunft, ihre Ausbildung und der damit verbundene Transfer von Haltungen, ihre regionale Bedeutung in Form einer „Schulbildung“, Referenzen im internationalen Kontext sowie die Debatte um den Weiterbestand der erhaltenen, schützenswerten Bauten werden thematisiert. Die begleitende Publikation enthält neben den thematischen Texten, einer kurzen Analyse und Beschreibung der wichtigsten Bauten auch eine Karte mit den jeweiligen Standorten, sodass der Katalog auch als „Architektur-Reiseführer“ genutzt werden kann.


Katalog

Architektur im Ringturm XXIX. Marburg – Maribor: Ein Stadtpanorama zur Europäischen Kulturhauptstadt 2012. Hg. Adolph Stiller, mit Beiträgen von Uroš Lobnik, Eva Sapač, Igor Sapač, Andrej Šmid. ca.150 Seiten, deutsch/englisch, mit zahlreichen Abbildungen.

Preis

25 Euro; Studenten, Schüler, Präsenz- und Zivildiener, Pensionisten (mit gültigem Ausweis): 15 Euro

Kuratoren:

Adolph Stiller, Uroš Lobnik

Ausstellungsort:

Ausstellungszentrum im Ringturm
1010 Wien, Schottenring 30

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr, freier Eintritt
(an Feiertagen geschlossen)

Presseführung:

Dienstag, 10. Juli 2012, 11:00 Uhr

Am Podium:

Adolph Stiller, Uroš Lobnik

Eröffnung:

Dienstag, 10. Juli 2012, 18:30 Uhr (Einlass nur mit Einladung)

Rückfragen an:

Silvia Polan
T: +43 (0)50 390-21064
F: +43 (0)50 390 99-21064
E-Mail an Silvia Polan