Architektur im Ringturm

ARC
Architektur | 17.04.2015

Donaumetropolen Wien • Budapest

Stadträume der Gründerzeit
21. April bis 5. Juni 2015


Kaum zwei andere Metropolen in Europa ähneln sich in so vielen Details wie Wien und Budapest. Die Zwillingsstädte der Gründerzeit werden beide auch Donaustadt genannt, Donaumetropole bzw. Königin der Donau. Ihre Ring- und Radialstraßen sehen auf den ersten Blick fast gleich aus. Die Burganlagen mit neobarocken Zubauten wecken Erinnerungen an die Doppelmonarchie unter Kaiser Franz Joseph, die Opernhäuser verweisen auf die Rivalität in der Gestaltung von Prachtbauten. Gleichzeitig sind auch Unterschiede sichtbar. Wien liegt neben der Donau, Budapest an ihr entlang. Die Ringstraße ist das Erbe des Großbürgertums und der Aristokratie, der Große Ring (Nagykörút) war eher von den aufstrebenden Mittelschichten getragen. Die Ungarn respektierten ihren König, wenngleich ihnen Königin Elisabeth näher stand. Die neue Ausstellung der Reihe „Architektur im Ringturm“ beleuchtet die angedeuteten feinen Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten. Mit Hilfe der klassischen Stadtfotografie lädt die Ausstellung des Wiener Städtischen Versicherungsvereins, Hauptaktionär der Vienna Insurance Group, die Besucher zu einem Reiseerlebnis in die Zeit der k.u.k. Monarchie ein.


Erinnerungsorte der Gründerzeit
Nicht die Architektur an sich, sondern das Schicksal der Städte erweckt den Eindruck, Wien und Budapest seien Erinnerungsorte der gründerzeitlichen Urbanisierung. Binnen eines halben Jahrhunderts wandelte sich die Residenzstadt Wien zu einer Weltstadt, Budapest zu einer zweiten Hauptstadt des Reiches. Die Größe und Pracht der Hauptstädte der Doppelmonarchie verweisen auf die Maßstäbe eines Reiches, das historische Tradition hatte und politische Zukunft suchte, vor allem in Richtung des Balkans. Nach 1918 fanden sich beide in der Rolle von Hauptstädten kleiner Nationalstaaten – Österreichs und Ungarns – wieder. Daraus resultierte mit der Zeit eine überaus starke Nostalgie für die Doppelmonarchie. Die Gründerzeit-Architektur der beiden Städte gilt heute weltweit als bekanntes Symbol glücklicher Friedenszeiten, als Symbol von Wohlstand und Prosperität einer ganzen historischen Epoche Europas um 1900.

Auf den Spuren der Moderne
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit der modernen europäischen Urbanisierung. All das, was man sich unter Städten vorstellt – Geschwindigkeit, Hektik, Menschenmengen oder Fabriken – findet seinen Ursprung in dieser Epoche. Die sich modernisierende Stadt hatte allerdings ihre eigenen morphologischen und historischen Hintergründe, die sie weiter ausbaute und mit ihrer Identität verband. Wien als Kaiserstadt war eines der bedeutendsten Zentren Europas. Motor dieser Entwicklung war der kaiserliche Hof selbst und die Nobilität. Pest-Buda, während der Türkenkriege zerstört, musste Anfang des 18. Jahrhunderts neu gegründet werden. Zur Beschleunigung des Aufschwungs kam es erst nach 1800, was einerseits der aktiven Städtepolitik des Habsburgers Erzherzog Joseph von Österreich, andererseits der günstigen geographischen Lage der Stadt, die viele Händler anzog, zu verdanken war.

Die Bedeutung der Ringstraßen
Die ideale Stadt des 19. Jahrhunderts verfügte über einen Grundriss mit Radialen und Ringen, spinnennetzähnlich, womit die früher eigenständigen Stadtteile in eine einheitliche Form gebracht werden konnten. Beim Ausbau der Ringe (Ringstraßen) orientierte man sich an den mittelalterlichen Stadtmauern und den späteren Zollgrenzen. Die Ringstraße ist allerdings nicht nur ein Element des Städtebaus. Sie diente den Bewegungen des Heeres, wodurch die Arbeiterviertel besser kontrolliert werden konnten. Darüber hinaus symbolisierte sie die Macht und Stärke der herrschenden Elite. Die nach Pariser Vorbild „Boulevards“ genannten breiten und geräumigen Hauptstraßen übernahmen anfangs die repräsentativen Attribute barocker Alleen: Ziergärten, Baumreihen und monumentale Gebäude. Mit der Zeit beanspruchte der Verkehr jedoch immer mehr Raum.

Ausbau der Eisenbahn
Die Eisenbahn war die Schöpferin der Großstädte des 19. Jahrhunderts. Die Bahn konzentrierte Ressourcen und verkürzte Reisezeiten. Wichtiger als die technischen Errungenschaften war die Tatsache, dass sie jeden Aspekt des Lebens fahrplanmäßig einteilte. Ihre Arbeitsorganisation übernahm die Regeln des Militärs, so konnten ganze Menschenmengen von einer Zentrale aus gelenkt werden. Da der Staat die Machtposition der Eisenbahn erkannte, übernahm er nach und nach die Verwaltung privater Eisenbahngesellschaften. Ab den 1860er Jahren hatte das Eisenbahnnetz der Monarchie nur noch eine Zentrale. Die Großstädte Westungarns verbanden sich zuerst mit Wien und danach mit Budapest. 1910 war Budapest bereits der Eisenbahn-Knotenpunkt des ungarischen Königreiches. Die zwei Hauptstädte verbanden drei parallele Eisenbahnlinien miteinander, zwei verliefen über Preßburg (Bratislava) und eine über Raab (Győr).

Bauernhäuser, Mietskasernen, Paläste – Wohnen während der k.u.k Zeit
Eine der lukrativsten Investitionen dieser Zeit war der Bau von Wohnungen. Gegenüber den Zuwanderern hatte die Bevölkerung vor Ort als Besitzer von Grundstücken und Häusern einen bedeutenden wirtschaftlichen Vorteil. Den sich aus den Palästen der frühen Neuzeit entwickelnden Mietpalais folgten Mietshäuser und Mietskasernen immer schlechterer Qualität, während sich die Elite mit der Zeit in die Villenviertel zurückzog. Das Mietshaus wurde zur Metapher der Stadt. Der Hof ist die Piazza der Stadt, der Flur entspricht der Straße. Der gesellschaftlichen Hierarchie entsprechend gab es Räume für Großbürger, Bürger und die Bediensteten bzw. für den Hausmeister, der kommunale Dienste – kleinere Reparaturen, die Aufrechterhaltung der Ordnung und abendliche Pförtneraufgaben – übernahm. Das Mietshaus war gleichzeitig auch Reservat, der Inbegriff nachbarschaftlicher Verhältnisse, wie man sie bis dahin nur auf dem Land kannte.

Am Stadtrand
Als die Stadtmauern abgetragen wurden, schien es, dass sich die Stadt von innen nach außen fortschreitend reproduzierte und neue Wachstumsringe angelegt wurden. Die Ringe, die immer größere Flächen in Anspruch nahmen, brachen allerdings nach und nach auseinander. Das Großbürgertum suchte, seinem neuen Lebensstil entsprechend, weitläufige Grundstücke am Rande der Stadt – dies wurden die Villenviertel. Für die Bauarbeiten wurden Rohstoffe benötigt, riesige Fabriken und Kommunalwerke suchten sich ihre Plätze. Unterdessen überlebten die Straßen der einverleibten Agrardörfer als Einschlüsse. Der langsam in die umliegende Landschaft hineinwachsende, mosaikartige Stadtrand erreichte mit der Zeit die Städte der Nachbarschaft, die ihren Aufstieg der Tatsache zu verdanken hatten, an der Grenze einer Weltstadt zu liegen.

Donaustädte Wien und Budapest
Die Donau – ein Fluss und gleichzeitig Binnenmeer der Habsburgermonarchie. Über die Donau waren das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die österreichischen Erblande, das ungarische Königreich sowie das osmanische Reich und die daraus entstandenen Balkanstaaten miteinander verbunden. Wien, die „Donau-Metropole”, verwaltete jahrhundertelang konkurrenzlos diese mitteleuropäische Welt. Der Aufschwung der Dampfschifffahrt in Pest-Buda und die darauffolgende explosionsartige Entwicklung Budapests schufen jedoch eine neue Situation im politischen Kraftfeld. Darüber hinaus passte sich die „Königin der Donau”, Budapest, dank ihrer günstigen geographischen Lage auch in Hinsicht auf das Stadtbild besser dem Fluss an.

Der Park – bedeutende Grünflächen für die Stadt
Je größer die Stadt wurde, desto wichtiger wurde die Frage nach freien Grünflächen. Je mehr Prestige ein Stadtteil besaß, umso mehr Parks bekam er. Zwei Vorbilder lassen sich für Stadtparks finden: der barocke Garten des Hochadels und die Ausflugsorte der Umgebung. Von jenem übernahm der Stadtpark Sehenswürdigkeiten, Ordnung und Tradition in Sachen gesellschaftlicher Repräsentation, von diesem die Gelassenheit und das Gefühl von Freiheit. Von Stadtparks, dem Resultat gegensätzlicher Traditionen, gab es viele sehr unterschiedliche Varianten. Manche betonten die Wirkung einer bestimmten Architektur, andere steigerten den Wert eines Mietshauses, wieder andere waren Vergnügungsorte, Zentren für körperliche Ertüchtigung und Orte zum Spazieren. Einer der liebenswertesten Aspekte der Großstadt der Jahrhundertwende waren die Grünflächen. Gleichzeitig ist dies auch jener Punkt, an dem die Stadt ihrer Zeit voraus war. Später, ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, wurden klassische Stadtparks vielerorts verbaut oder verwahrlosten.

Die Unterhaltung der Massen
Die Begriffe Weltausstellung und moderne Weltstadt sind unmittelbar miteinander verknüpft. Bei Weltausstellungen handelte es sich um eine Art Schaufenster der technischen Entwicklung sowie um ein Labor für die Industrialisierung der Unterhaltung. Die geplanten, miniaturisierten Plätze der Stadt, die gedrängte Aufeinanderfolge der Elemente, die zahlreichen, gezielten Stimmungen brachten eine neue Form der Erlebnisverarbeitung mit sich. Die erste Weltausstellung fand 1851 in London statt, es folgten New York (1853) und Paris (1855). In der mitteleuropäischen Region bekam nur Wien 1873 die Chance, sich dieser Herausforderung zu stellen. Der kurz darauf folgende Zusammenbruch der Wiener Börse warf allerdings einen Schatten auf den Erfolg der Eröffnung im Mai. Auch Budapest war vom Gründerkrach betroffen und es mussten gut zwanzig Jahre vergehen, bis die ungarische Hauptstadt 1896 eine kleinere Landesausstellung abhalten konnte.

Der Weg ins 20. Jahrhundert
Der Beginn des 20. Jahrhunderts war ein Wendepunkt in der Architektur. Es etablierte sich eine neue Generation junger KünstlerInnen, die zwar noch zum Teil im Eklektizismus sozialisiert worden waren, gleichzeitig aber auch nach neuen Wegen suchten. In Frankreich hieß die neue Stilrichtung Art Nouveau, in Deutschland war es der Jugendstil und in der Monarchie verankerte sich der Name der Sezession in der Kunstgeschichte. Es gab auch noch weitere Bezeichnungen und Stilrichtungen wie frühe Moderne, nationaler Stil oder Arts and Crafts. Der Eklektizismus verschwand auch nicht vollständig und durchlebte eine zweite Blüte. Die knapp anderthalb Jahrzehnte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellten wohl eine der vielfältigsten und interessantesten Epochen der Kunstgeschichte dar. Es ist bemerkenswert, dass gerade in einer Ära, die geprägt durch sehr unterschiedliche Bewegungen war, der architekturtheoretische Begriff „Zeitgeist” entstand, der den einheitlichen Geschmack der einzelnen, großen, architektonischen Epochen benennt.

Katalog
Architektur im Ringturm XL, Donaumetropolen Wien – Budapest, Stadträume der Gründerzeit, Hg. Adolph Stiller, Máté Tamáska. Mit Beiträgen von Máté Tamáska, ca. 200 Seiten, mit zahlreichen
Abbildungen
Preis: 28 Euro

Wissenschaftliche Erarbeitung des Themas:   
Máté Tamáska

Kurator Architektur im Ringturm:    
Adolph Stiller

Ausstellungsort:       
Ausstellungszentrum im Ringturm
1010 Wien, Schottenring 30

Öffnungszeiten:   
Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr, freier Eintritt
(an Feiertagen geschlossen)

Presseführung:   
Montag, 20. April 2015, 11:00 Uhr

Am Podium:   

Adolph Stiller, Máté Tamáska

Eröffnung:
Montag, 20. April 2015, 18:30 Uhr (Einlass nur mit Einladung)


Rückfragen an:

Silvia Polan
T: +43 (0)50 390-21064
F: +43 (0)50 390 99-21064
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