Architektur im Ringturm

ARC
Architektur | 27.10.2005

Licht und Form - Moderne Architektur und Fotografie in Ungarn 1927-1950

4. November 2005 bis 3. Februar 2006

ARCHITEKTUR IM RINGTURM präsentiert Architektur der Avantgarde der Zwischen- und frühen Nachkriegszeit in Ungarn anhand von Original-Fotografien (schwarz-weiß) aus den Sammlungen des Ungarischen Denkmalamtes und des Ungarischen Architekturmuseums. Modelle, Originalpläne, Möbel, Designobjekte, Originalpublikationen bereichern die Schau und geben Überblick über das unter dem Begriff der "weißen Moderne" bekannte architektonische Schaffen in Ungarn. Die Palette der Bauten reicht von Wohnhaus, Villa, Krankenhaus, Reithalle, Kirche, Kino bis zu Kaffeehaus, Flughafen und Bushaltestelle. Der Großteil der gezeigten architektonischen Schätze befindet sich in Budapest."Man kann sagen, dass wir die Welt mit vollkommen anderen Augen sehen... Objekte und Phänomene, die wir mit unseren eigenen optischen Geräten, unseren Augen, nicht sehen, können mit Hilfe einer Kamera wahrnehmbar gemacht werden," so der ungarische Künstler László Moholy-Nagy.

 

Moderne Architektur in Ungarn. Hinsichtlich der Abgrenzung der Architektur der Moderne des 20. Jahrhunderts existieren parallel unterschiedliche Begriffe. In jedem Land findet man andere Bezeichnungen für die Gesamtheit von Gebäuden, die auf Grund ähnlicher Prinzipien entworfen wurden und verwandte stilistische Elemente zeigen. Bezeichnungen mit überschneidender bzw. gleicher Bedeutung gibt es auch in der Fachliteratur über Ungarn. Entsprechungen zum Neuen Bauen in Deutschland und Nieuwe Bouwen in Holland sind hier Új Építés (Neues Bauen) and Új Építészet (Neue Architektur), während die ebenso aus Deutschland kommende Neue Sachlichkeit sich als Új Tárgyiasság (Neue Objektivität) ausdrückt. Der International Style von Philip Johnson und Henry-Russell Hitchcock wird als Nemzetközi Stílus bezeichnet. Verwendet werden auch die Begriffe Racionalizmus (nach dem italienischen Razionalismo) oder Funkcionalizmus (nach dem tschechischen Vorbild) sowie Konstruktivizmus (russisch) - zusätzlich zur vereinfachenden Gewohnheit von Bauhausarchitektur zu sprechen.

 

Vorläufer der Moderne. Wichtigster Vertreter der ungarischen Architektur des frühen 20. Jahrhunderts war Ödön Lechner (1845-1914). Unter seinem Einfluss begannen sich einige ungarische Architekten – darunter Dénes Györgyi, Károly Kós, Lajos Kozma – in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Arts- and Crafts-Bewegung und der finnischen Sezession auseinander zu setzen, um einen zeitgemäßen, charakteristischen ungarischen Architekturausdruck zu schaffen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstanden vormoderne Bauwerke durch den Einsatz

geometrischer Formen, mit wenig dekorierten Fassaden, Elementen der Industriearchitektur und unter Verwendung hochwertiger Materialien. Vorboten der klassischen Moderne waren Béla Lajta als signifikanteste Figur, Gyula Haász und Béla Málnai, die Brüder Jónás, Emil Tõry und Móric Pogány. Nach dem Krieg fanden die Anfänge der vormodernen Architektur jedoch keine direkte Fortsetzung und vorherrschender Stil der ersten Nachkriegsjahre war das Neobarock passend zur konservativen Kulturpolitik. Moderne Vorläufer dieser Zeit waren jedoch die Villen von Bertalan Árkay, die auch hervorragende Beispiele des ungarischen Art Deco sind.

1926 kam es zu einer wirtschaftlichen Stabilisierung und bedeutende Projekte der vor dem Krieg begonnenen Klinik von Debrecen und der Universitäten von

Debrecen und Szeged wurden fertig gestellt und viele Schulen gebaut.

 

Architekturausbildung in Ungarn. Bedeutende Persönlichkeiten der Bewegung der Moderne im Rahmen der Architekturausbildung an der ungarischen Technischen Universität waren Iván Kotsis und Desider Hültl. Die wenigen existierenden Gebäude der Professoren zählen zu den bedeutenden Werken der ungarischen Moderne, u.a. die röm.-kath. Kirche von Iván Kotsis, seine Sommerhäuser am Balaton, Desiders Hültls Busgarage in der Szabó József-Straße und sein Spital in der Péterffy Sándor-Straße in Budapest. Weitere weitsichtige Lehrer moderner Architektur & Design an der Kunstgewerbeschule in Budapest waren Dénes György, Gyula Kaesz, Károly Weichinger und Jenõ Kismarty-Lechner.

 

Ausbreitung der Moderne. Die Zeit der Wirtschaftsdepression zwischen 1929 und 1933 förderte die Akzeptanz moderner Architektur auch zunehmend durch staatliche Stellen und religiöse Institutionen. Die anfänglichen Initiativen verursachten Aufsehen. Die ersten Kirchen im Stil der Moderne, wie die röm.-kath. Gyárvárosi Kirche in Gyõr (Aladár Árkay, 1929), die auch Art Deco-Züge trug, stießen nicht auf Widerstand. Die ersten beiden modernen Kirchen in der Hauptstadt verursachten jedoch heftige Debatten, besonders die Kirche in Városmajor (Aladár und Bertalan Árkay, 1931-1933) mit ihrer schockierend nackten Betonfassade, aber auch die bescheidener aussehende Franziskanerkirche am Pasaréti Platz (Gyula Rimanóczy, 1931-34) in italienischem Stil.

 

Neue Bauaufgaben dem Trend der Zeit entsprechend waren etwa Autosalons, Garagen und Werkstätten (z.B. Excelsior Service von László Lauber, 1930 oder das FIAT-Service von Ervin Quittner, 1934). Das Kelenföld-Elektrizitätswerk von Virgil Bierbauer, 1927-1933, war architektonisch und technisch State of the Art. Der Flughafen von Buda (Virgil Bierbauer und László Králik, 1935-1937) sowie einige

Brücken- und Viaduktbauten sind wesentliche öffentliche Bauvorhaben der 30er und frühen 40er-Jahre.

 

Bei Geschäftsbauten traten moderne Elemente bereits früh auf. Das Budapester Modehaus in der Rákóczi-Straße wurde 1928 im Art Deco-Stil von Lajos Kozma neu gestaltet und 1934 bis 1935 weiter ausgebaut: Die große Glasfassade, eingefasst mit schwarzem und weißem Marmor und der Neonschriftzug machten es zum Publikumsmagnet.

 

In den 1930er Jahren setzte sich die Moderne auch bei staatlichen und kommunalen Aufträgen für Wohnhäuser, Arbeitersiedlungsprojekte, Industrieanlagen und öffentliche Bauten durch.

 

Im Villen- und Wohnhausbau zählen Lajos Kozma und Farkas Molnár zu den meistbeschäftigten Architekten. Einzelne progressive, den Werkbundsiedlungsprojekten vergleichbare Ansätze, wie die Modellsiedlung in der Napraforgó-Straße (1930-1931), fanden keine Fortsetzung und konnten auch keine strukturelle Lösung für die Wohnungsnot bieten.

 

Konservative Kräfte der neuen politischen Situation ab 1948 verdrängten die fruchtbaren Ansätze in der Baukultur. Heute erlebt die Zeit der 30er bis 50er-Jahre ein verdientes Revival – besonders unter dem Blickwinkel des "neuen Europa".

 

Tér és Forma. Die Illustration kristallisierte sich als effizienteste Methode zur Verbreitung der Ideale der Architektur im Geiste der Moderne heraus, insbesondere durch die Publikation in Fachzeitschriften. Die legendäre Zeitschrift "Tér és Forma" (Raum und Form) nahm eine bedeutende Rolle ein. Der Großteil der zeitgenössischen Abzüge der Schau wurde in dieser ungarischen Zeitschrift zwischen 1928 und 1948 publiziert. Das Journal fungierte als Medium, das Konzepte der Architektur der Moderne anhand von ausländischen Beispielen nach Ungarn brachte und das moderne Baugeschehen im Lande bekannt machte. Heute bilden diese Fotografien, die sich hauptsächlich in zwei öffentlichen Archiven befinden, eine erstklassige Quelle für die Dokumentation der Architektur der Moderne Ungarns.

 

Die Ausstellung. Die Entwerfer der Moderne arbeiteten im Vergleich zu den Architekten der vorhergehenden Epoche mit einer extrem begrenzten Auswahl an Baumethoden. Sie bauten nicht für die Nachwelt, oftmals experimentierten sie mit genialen Lösungen und Materialien, die sich nicht immer als dauerhaft herausstellten. Aus diesem Grund sind viele Gebäude der Moderne heute in einem stark veränderten Zustand, weil die damals neuesten Techniken Anpassungen bzw. Reparaturen erforderten. Jene Gebäude, die in ihrer ursprünglichen Form überlebt haben, sind stärker gealtert als Gebäude, die etwa hundert Jahre vorher erbaut wurden. Deshalb greift die Ausstellung bei der Präsentation der Moderne auf zeitgenössische Fotografien zurück, die die Bauwerke in tadellosem Zustand zeigen und damit die Genialität des ursprünglich architektonischen Entwurfs und die sorgfältige Ausführung zum Ausdruck bringen. Die zu jener Zeit neuartigen, experimentellen Fotografien sind als Kunstwerke von großer Bedeutung.

 

Die Ausstellung präsentiert über 100 Original-Fotografien (schwarz-weiß) aus den Sammlungen des Ungarischen Denkmalamtes und des Ungarischen Architekturmuseums. Modelle, Originalpläne, Möbel, Designobjekte, Originalpublikationen und ein Film bereichern die Schau.

 

Leihgeber. Das Fotoarchiv des Nationalen Denkmalamts sammelt und archiviert Bilder von Bauten und Objekten mit historischem Wert. Rund 200.000 Negative und rund 150.000 Abzüge, wobei mehr als die Hälfte davon aus dem 19. Jahrhundert stammt, bilden den Hauptteil der Sammlung und sind bedeutende Quelle für das Verständnis der ungarischen Architekturgeschichte.

 

Das Ungarische Architekturmuseum mit seiner Fotosammlung birgt ebenso wertvolle Aufnahmen des 19. Jahrhunderts. Nachlässe technischer Fotografen vom Beginn des 20. Jahrhunderts stellen das "Rückgrat" der Sammlung mit Personen wie Tivadar Kozelka und Zoltán Seidner dar. Dieses Material liegt auch der Ausstellung zu Grunde.

 

KuratorInnen: Ibolya Plank, Virág Hajdú, Pál Ritoók

 

Katalog (in ungarischer und englischer Sprache): Ibolya Plank, Virág Hajdú, Pál Ritoók: Light and Form. Modern Architecture and Photography 1927-1950. 304 Seiten mit zahlreichen Abbildungen in schwarz-weiß. Budapest 2003. Preis: 25 Euro.

 

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag: 9.00 bis 18.00 Uhr; freier Eintritt

(Geschlossen an Feiertagen sowie dem 30. Dezember 2005)