Aktuelle Ausstellung

Die Prager Burg & Plečnik

Von 27. Juni bis 23. September 2016

Die Prager Burg zählt weltweit zu den größten erhaltenen Burgensembles und gilt als das Symbol nationaler Würde der Tschechischen Republik. Begleitend zur diesjährigen Ringturmverhüllung durch den tschechischen Künstler Ivan Exner widmet sich die Reihe Architektur im Ringturm den architektonischen Besonderheiten der Prager Burg. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Arbeiten des slowenischen Architekten Josef Plečnik.

Im Zuge der 1918 erlangten Eigenstaatlichkeit der Tschechoslowakischen Republik wurde ein Amtssitz für den ersten Präsidenten des Landes – Tomáš Garrigue Masaryk – benötigt. Die Prager Burg schied hierfür zunächst aus, war sie doch über Jahrhunderte hinweg Verwaltungssitz der Habsburger gewesen und schien daher kaum geeignet. Dennoch wählte Präsident Masaryk sie für seinen Amtssitz, und es war darüber hinaus sein Wunsch, die gesamte Burganlage durch gezielte Baumaßnahmen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um keinen Streit unter den Architekten des Landes zu entfachen, entschied sich Masaryk, den ehemaligen Otto-Wagner-Schüler Josef Plečnik mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Präsident Masaryk, vormals Universitätsprofessor sowie Abgeordneter im Wiener Reichstag und im eigenen Land Intellektueller ersten Ranges, war zutiefst überzeugt von der entscheidenden Rolle der Kunst bei der Gründung eines demokratischen Staates. In Plečnik hatte er die richtige Person gefunden, die seine politischen Ideen künstlerisch ebenbürtig umsetzen würde. Diese Einschätzung teilte er mit seiner Tochter Alice Masaryk.

Besonders gefiel Präsident Masaryk die Idee Plečniks, für die gefallenen tschechoslowakischen Legionäre einen Obelisken mit dem ewigen Licht im Paradiesgarten zur errichten. Damit stellte sich Plečnik in jene Reihe nichttschechischer Künstler – beginnend mit Matthias von Arras, Peter Parler und Nicolaus Pacassi – die zur heutigen Gestalt der Prager Burg entscheidend beigetragen haben. Im Kontext der internationalen Architekturgeschichte stehen Plečniks Arbeiten für die Prager Burg in den Jahren 1920 bis 1934 als eine einzigartige Leistung spezifisch-authentischer Architektursprache.

Höfe, Gärten und Interieurs
Als Bauherr hat Plečnik unter behutsamstem Umgang mit dem historischen Bestand der Burganlage Höfe mit Brunnen und Denkmälern, Gartenanlagen – mit Bellevue-Pavillons oder Volieren – sowie zahlreiche hochwertige Interieurs wie Einzelmöbel, Stühle, Zier- und Gebrauchsgegenstände für Masaryk geschaffen, die zum Teil heute noch in Verwendung stehen.

Man muss an dieser Stelle hervorheben, mit welchem Verantwortungsbewusstsein damals gearbeitet wurde. Mit der Wende hin zu einer neuen demokratischen Staatsordnung sollte die Prager Burg ihre ursprüngliche Gestalt wiedergewinnen – zurückfinden zu der Anlage vor der habsburgischen Zeit. Dazu passt folgende Anekdote: Für die Gestaltung der Bibliothek erhielt Plečnik einen angemessenen Lohn, retournierte das Geld jedoch und behielt nur einen Bruchteil davon für Reisespesen. Seine Begründung: Es handle sich bei seiner Arbeit um Architektur für die Ewigkeit – und nicht um Architektur für Geld.

Mit der Tochter des Präsidenten, Alice Masaryk, verband Plečnik bald eine innige Zuneigung. Doch angesichts der für die Zukunft des Landes so bedeutenden Aufgabe zügelten beide ihre Empfindungen füreinander, damit die Arbeit Plečniks nicht durch Gefühle gestört würde.

Bei seinen Ausführungen lag Plečnik die Anwendung lokaler Materialien und traditioneller Bearbeitungstechniken sehr am Herzen. Er entschied sich, keine Fremdkörper ins Burgareal einzuführen und nur mit vorhandenen Bauelementen zu arbeiten. Diese begann er zu veredeln bzw. zu monumentalisieren und in neuen Kontexten zu verwenden. Inspiration hierfür war reichlich in den angrenzenden königlichen Gärten, der Kathedrale sowie in den Höfen zu finden, wenn man die ehemaligen mittelalterlichen Durchgänge, die im barocken Umbau Pacassis verschwunden waren, wieder öffnete. Sehr wichtig war Plečnik auch die nationale Ikonographie, die der tiefgläubige Künstler zusätzlich mit christlicher Symbolik bereicherte. Die Sterne des tschechischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk sowie die stilisierten Wellen der Moldau – in der Nische der Stiertreppe – sind hierfür als Beispiele hervorzuheben. 

Für die mittelalterliche Fontäne des Heiligen Georg erschuf Plečnik einen neuen Untersatz und die Umzäunung in der Form eines „schwebenden Heiligenscheins“. In seinem Werk findet sich auch die Erinnerung an die Prophetin Libuše und an andere tschechische Legenden: Der Frauenkopf mit der Sternaureole symbolisiert Libussas Prophezeiung von der Entstehung der Stadt Prag. Plečnik, der die antike Kunst zum Ausgangspunkt seines Schaffens nahm, mischte öfter nationale Symbolik mit griechischen Vorbildern, etwa beim Baldachin der Stiertreppe, und es war ihm nicht wichtig – möglicherweise liebäugelte er sogar damit –, wenn man die antiken Stiere mit den Ochsen des ersten Přemysliden verwechselte. Als Vorbild für diesen Synkretismus dienten das Grabdenkmal mit der Stierplastik in Kerameikos, einer Vorstadt von Athen, sowie vermutlich auch ein Portal eines Bauernhofes in der Nähe von Zvolen, das Plečnik während einer Schulexkursion in der Slowakei gesehen hatte. Große Bedeutung hatten für ihn weiters stilisierte Lindenblätter, die überall auf der Burg zu finden sind. Nach Alice Masaryks Überzeugung sollen sie die Zugehörigkeit zum Slawentum bezeugen.

Die symbolische Seite stellt einen nicht unbedeutenden Aspekt der Plečnik‘schen Burgrenovierung dar. Trotzdem vergaß er nie seine Ausbildung bei Otto Wagner, in der größter Nachdruck auf die richtige Materialbearbeitung gelegt worden war, mittels welcher die Qualitäten von Stein, Holz oder anderen Baustoffen voll zum Vorschein kommen sollten. Statt modernen funktionalistischen Formen zu folgen, kam Plečnik mit der Semper‘schen Metamorphosierung des antiken Formenschatzes gut zurecht. Es ging also um die gleichen, ewigen Bauthemen, die er im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen auf „altertümliche“ Weise modernisierte. Das ist das Wesen seiner Architektur und gleichzeitig der Grund dafür, dass man ihn nicht zu den Funktionalisten und noch weniger zu den Eklektikern zählen kann. Es ging ihm um „überzeitliche“ Kunst, die ihre ästhetische Anziehungskraft nie verlieren wird.

Mit der Errichtung der Präsidentenwohnung im zweiten Stock beauftragte man zuerst Jan Kotěra, doch Alice Masaryk war mit seiner modischen Lösung unzufrieden. Die Arbeit wurde daher an Plečnik, einen Freund Kotěras, übergeben. Obwohl die Planung schon weit fortgeschritten war, kam es nicht zu Missstimmungen zwischen den beiden Architekten. Die Ausgangslage schien ungünstig, da die lange Zimmerflucht keinen mittleren Anhaltspunkt – und auch keinen richtigen Zugang – aufwies. Plečnik löste das Problem mit Hilfe des Impluviums und der Granitschale in dessen Mitte. Seinen eigenen Worten zufolge kroch er gemeinsam mit Masaryk kniend um die Schale herum, da er dem Präsidenten die perfekte Steinmetzarbeit auch aus dieser Perspektive zeigen wollte. Glücklicherweise hat sie dabei niemand gesehen.
Östlich vom Impluvium errichtete Plečnik die Wohnappartements, wobei er meist das vorhandene Burgmobiliar verwendete, mit Ausnahme der Bibliothek und des Arbeitszimmers des Präsidenten. Besonders Letzteres war eher einfach eingerichtet: Arbeitstisch, Stehpult und Wandbrunnen aus geadertem, grünem schlesischem Marmor. Der Raum war ringsum mit Bücherregalen ausgestattet und sollte nach Meinung der Präsidententochter das geistige Zentrum der Burg sein, um auch nachkommenden Generationen von der Sternstunde der tschechoslowakischen Demokratie erzählen zu können.

Viel reicher gestaltete Plečnik den Damensalon, den er mit mährischen und slowakischen Stickereien bzw. mit Bauernkeramik schmückte. Trotz überall präsenter Volkskunst war der Gesamteindruck äußerst nobel und auf einer Stufe mit der sogenannten „höheren Kunst“. Alice Masaryk soll sich darüber mit den enthusiastischen Worten „Pastorale ohne Pastoralität!“ geäußert haben. Zur Sitzgarnitur kam ein Lehnstuhl, der die Vorstellung Plečniks, wie die von Semper erwähnten antiken Sessel aus Metall ausschauen sollten, wiedergibt. Den größeren Nachbarraum wandelte Plečnik in ein Gesellschafts- und Musikzimmer um. Da die Privat- und Gesellschaftsräume einen neuen Zugang brauchten, baute Plečnik ein rundes Treppenhaus mit Aufzug dazu. Die Innenwände bestehen aus unverputztem Ziegel mit hervortretenden Fugen – wieder eine Anspielung auf die vor Ort vorgefundene mittelalterliche Bauweise.

Mit der Beseitigung einzelner Teile der Burgbefestigung aus dem 19. Jahrhundert öffnete Plečnik neue interessante Blicke hin zur Stadt. So wandelte er die ehemalige mittlere Bastei in eine Aussichtsterrasse um und bereicherte sie mit einem Fußboden aus „Mosaikteppichen“. Die Mährische Bastei am Ende des Wallgartens war mit ihrer mediterranen Pergola, dem Obelisken und dem Granittisch als eine Art Tusculum für den Präsidenten gedacht. Die Profilierung der Tischplatte deutet auf eine imaginäre textile Bedeckung hin, so wie auch das Pflaster aus Ziegeln und Steinen an Teppichweberei erinnert. Mit dem schlanken, zehn Meter hohen Obelisken trieb Plečnik die Eigenschaften des Granits mutig ins Extreme. Mit seinem dorischen Kapitell wurde er zu einer Mischform zwischen klassischem Obelisken und dorischer Säule. Ein unentbehrlicher Bestandteil der Gartengestaltung sind auch die Pavillons und Belvederes, die verschiedene Teile des Stadtpanoramas umrahmen oder schöne neue Perspektiven gewähren.

Plečniks Strategie bei der Burgrenovierung war es nicht nur, die Durchlässigkeit der bestehenden Architektur herzustellen, sondern auch einen Rundgang durch die Gärten zu schaffen, der von verschiedenen Seiten interessante Ausblicke auf die Burg eröffnen würde. Zu diesem Zweck verlängerte er den Wallgarten mit Hilfe von tragenden Arkaden, um ihn über eine Verbindungsbrücke mit der Pulverbrücke und den Königlichen Gärten zu vereinen. Diese Idee wurde leider nie umgesetzt, da es nach der Abreise Plečniks nicht mehr zu der geplanten Verbindung zwischen der Burg und dem Lustschloss der Königin Anna kam.

Fast ein Jahrhundert später, nachdem der Funktionalismus durch andere Stilrichtungen abgelöst worden war und wir heute in einem schwer zu definierenden Kunstpluralismus leben, bekommt Plečniks Schaffen auf der Prager Burg eine vollkommen neue Dimension. Seine Säulen stören niemanden mehr – im Gegenteil, sie zeigen uns, wieviel Lebenskraft noch in ihnen und in der Antike insgesamt steckt. Plečnik führt uns vor Augen, dass Proportion, Rhythmus und Kontext durch alle Zeiten hindurch die wichtigsten Architekturkomponenten waren. Darüber hinaus kann man von Plečnik lernen, wie man mit klassischen Materialien umgehen soll. Auch wenn man heute anders arbeitet, beinhaltet seine Architektur unzählige interessante und noch immer aktuelle Facetten.

Pressefotos zum kostenlosen Download finden Sie hier:

Katalog
Architektur im Ringturm XLIV: Die Prager Burg und Plečnik. Hrsg.: Adolph Stiller. Beiträge von Damjan Prelovšek, Karl Fürst Schwarzenberg, Jan Sapák und Adolph Stiller. 204 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Plänen und Skizzen von Josef Plečnik.
Preis: 28 Euro

Kurator: 
Adolph Stiller

Ausstellungsort: 
Ausstellungszentrum im Ringturm,
Schottenring 30, 1010 Wien

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr, freier Eintritt
(an Feiertagen geschlossen)

Presseführung: 
Freitag, 24. Juni 2016, 9:30 Uhr

Am Podium:
Damjan Prelovšek, Jan Sapák, Adolph Stiller

Rückfragen an:    
Romy Schrammel
T: +43 (0)50 350-21224
F: +43 (0)50 350 99-21224
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